Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv

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    Slg. 6015 Dokumentation zur Zwangsarbeit in Essen
    Slg. 6016 Zwangsarbeit bei der Roßhaarspinnerei und Seilerei Josef Strötgen GmbH

    Vollansicht Bestand

    Signatur: Slg. 6016
    Name: Zwangsarbeit bei der Roßhaarspinnerei und Seilerei Josef Strötgen GmbH
    Laufzeit: 1940-1999
    Beschreibung: Die 1890 von Josef Heinrich Strötgen (1865-1936) an der Velberter Straße (heute Heidhauser Straße) in Essen-Heidhausen gegründete Seilerei wurde in den 1920er Jahren von den drei Söhnen Josef jun., Ludwig und Hubert Strötgen übernommen, die den Betrieb um eine Rosshaarspinnerei erweiterten. Nachdem die „Seilerei & Roßhaarspinnerei Josef Strötgen 1932 eine ehemalige Schlossfabrik sowie den benachbarten Sportplatz im Industriegebiet an der Ottostraße (heute Leanderbank) und der Hermannstraße (heute Alinenhöhe) in Essen-Fischlaken erworben hatte, wurde die Produktion bis 1933 dorthin verlagert. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre war das Unternehmen mit fast 100 Beschäftigten eine der größten Rosshaarspinnereien Deutschlands, das reichsweit Polster- und Matratzenhersteller belieferte und darüber hinaus ins europäische Ausland exportierte. Im Zweiten Weltkrieg war die Produktion allerdings von Rohstoffknappheit und Arbeitskräftemangel geprägt.

    In der Zeit vom 15. März 1943 bis zur offiziellen Übergabe von Essen-Werden an die US-Truppen am 15. April 1945 waren insgesamt 26 sog. Ostarbeiterinnen, die zur Zwangsarbeit aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt worden waren, bei der Firma Strötgen beschäftigt. Durchschnittlich arbeiteten 10 Frauen, überwiegend im Alter von Anfang Zwanzig, gleichzeitig im Betrieb. Die ersten acht Frauen, die am 15. März 1945 zu Strötgen kamen, hatten zuvor Zwangsarbeit bei Krupp geleistet. Die Zwangsarbeiterinnen lebten zunächst in einem Lager an der Heidhauser Straße oberhalb von Am Schwarzen, das für die Werdener Feintuchwerke im Waggondepot der Straßenbahn eingerichtet war. Mit der Begründung, dass die Frauen für den Betrieb die Luftschutzwache übernehmen könnten, veranlasste Geschäftsführer Hubert Strötgen, dass die Frauen ab dem 1. April 1944 auf dem Firmengelände wohnten. Die Zwangsarbeiterinnen wurden nicht nur in der Produktion eingesetzt, sondern arbeiteten auch in den Haushalten der drei Strötgen-Brüder, die neben der Fabrik ihre Wohnhäuser errichtet hatten.

    Hubert Strötgen und seine Frau Maria stellten die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen wie deutsche Arbeiterinnen mit Kranken- und Rentenversicherung ein und behandelten sie wie Familienmitglieder. Das Ehepaar Strötgen versorgte die jungen Frauen mit zusätzlichen Lebensmitteln und ließ sie trotz Umgangsverbot hin und wieder in ihre Wohnung. Als Hubert Strötgen in den letzten Kriegswochen von Plänen der Nationalsozialisten erfuhr, die Zwangsarbeiter angesichts der bevorstehenden Einnahme der Stadt auf die Essener Zechen zu bringen, um sie dort untertage ihrem Schicksal zu überlassen, hielt er die elf im März 1945 auf dem Firmengelände wohnenden Ukrainerinnen bis zum Kriegsende versteckt. Nach der Übernahme der Stadt durch die Allliierten verhinderte die Fürsprache der Frauen für die Familie Strötgen, dass deren Wohnhaus durch das US-Militär beschlagnahmt wurde. Zusammen mit befreiten polnischen und russischen Zwangsarbeitern organisierten sie einen bewaffneten Wachdienst, um das Eigentum der Familie Strötgen vor den in der unmittelbaren Nachkriegszeit häufigen Diebstählen und Überfällen sog. Displaced Persons zu schützten. Über ein Sammellager in Mülheim an der Ruhr gelangten die Ukrainerinnen schließlich wieder zurück in ihre Heimat.

    Nach dem Krieg durchliefen die drei Firmeninhaber Strötgen, von denen keiner NSDAP-Mitglied gewesen war, ein Entnazifizierungsverfahren. Ihre heute im Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, überlieferten Entnazifizierungsakten weisen sie als unbelastet (Kategorie V) aus. Während Josef Strötgen als Invalide des Ersten Weltkriegs nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurde, war Hubert Strötgen als Betriebsführer unabkömmlich gestellt. Ludwig Strötgen diente bei der Polizei vor Ort in Essen, wurde aber zwischenzeitlich von Januar 1942 bis Dezember 1944 auch in Polen eingesetzt. Der vor 1933 der Zentrums-Partei nahestehende Hubert Strötgen trat 1946 in die CDU ein, war bis 1948 Mitglied des Essener Stadtrates und wurde zum Verbandsvorsitzenden der Rosshaarspinner in der Bi-, später Trizone gewählt.

    1946 wurde die Firma Strötgen in eine GmbH umgewandelt, an der die drei Strötgen-Brüder als Mitinhaber beteiligt waren. Das bald unter dem neuen Namen „Roßseil expandierende Unternehmen setzte seit 1948 auf die Herstellung fertig geformter Polster aus gekrausten Fasern mit Hilfe von Gummilatex („Gummihaar), wurde aber während der 1950er Jahre in einen Patentstreit verwickelt, der beträchtliche Umsatzeinbußen und den Verlust wichtiger Absatzmärkte zur Folge hatte. Am 7. Januar 1963 wurde die Gummihaarfertigung an der Leanderbank durch einen Großbrand zerstört. Der Wiederaufbau ging mit einer Erweiterung der Produktionsfläche einher. Als die weitere Expansion des Unternehmens am Standort in Fischlaken an Grenzen stieß, sollte 1970 die Verlagerung des gesamten Betriebes nach Burgaltendorf erfolgen. Der vollständigen Verlagerung kam jedoch ein erneuter Großbrand der Fabrik an der Leanderbank am 11. Mai 1970 zuvor. Sowohl der Wiederaufbau in Fischlaken als auch der Neubau in Burgaltendorf verzögerten sich danach aufgrund bürokratischer Hindernisse. 1972 beantragte der Geschäftsführer Josef Strötgen, Hubert Strötgens Sohn, ein Liquidationsverfahren. 1973 wurde der Betrieb eingestellt und bis 1975 abgewickelt. Nach der Aufgabe des Betriebes wurden die Gebäude abgerissen. Das ehemalige Betriebsgelände ist heute ein Wohngebiet. Auch die neben den Fabrikgebäuden errichteten Wohnhäuser der drei Strötgen-Brüder existieren heute nicht mehr.

    Im Rahmen der Ausstellung „OST - gefangen und gezwungen - Zwangsarbeit für Deutschland 1933-1945, die der Kunstschacht Katernberg e.V. vom 15. März bis zum 14. Mai 1995 auf der Zeche Zollverein zeigte, wurde die Firma und Familie Strötgen als seltenes Beispiel für einen menschlichen Umgang mit Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern gewürdigt. Im selben Jahr erreichte Maria Strötgen einen Tag nach ihrem 85. Geburtstag ein Brief der ehemaligen Zwangsarbeiterin Maria Stantschewa aus der Ukraine, zusammen mit einem Foto von Huberts Strötgens vier Kindern Huberta, Rosalin, Maresia und Josef, das deren Mutter der Ukrainerin 50 Jahre zuvor - am 11. März 1945 - zum Abschied geschenkt hatte. In ihrem Brief dankte die 74jährige pensionierte Lehrerin Maria Strötgen und deren bereits 1972 verstorbenem Ehemann Hubert Strötgen dafür, ihr damals das Leben gerettet zu haben. Angesichts ihres fortgeschrittenen Alters und aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands wollte sie das Foto der Familie zurückgeben. Josef Strötgen schickte der in Altersarmut lebenden Stantschewa einen Geldbetrag in die Ukraine; sein Angebot, sie nach Deutschland zu holen, schlug sie aus. Bis 1997 wechselten Maria Stantschewa und die Familie Strötgen noch mehrere Briefe, bevor der Kontakt abbrach.

    Der Briefwechsel (z.T. Kopien mit Übersetzungen), Dokumente aus dem Nachlass von Hubert Strötgen (Kopien), sämtliche „Personalien- und Lohnkonto-Karten sowie Fotografien der Zwangsarbeiterinnen, die sie u.a. im Kreis der Familie Strötgen zeigen, ein Zeitzeugengespräch mit Maria Strötgen und eine Pressedokumentation befinden sich in der vorliegenden Sammlung, die seit 1987 von Ernst Schmidt zusammengetragen wurde. In seiner Überlieferung weist der Bestand stellenweise Überschneidungen mit Slg. 334 Roßhaarspinnerei und Seilerei Josef Strötgen GmbH auf, die Reste des Firmenarchivs sowie des Nachlasses von Hubert Strötgen (u.a. Originale der o.g. Kopien) umfasst. Ebenda sowie in Slg. 986 Zwangsarbeit und im Bestand V 412 Historischer Verein Essen ist ebenfalls Überlieferung zur Zwangsarbeit bei Strötgen enthalten.
    Alte Bestandssignaturen: Best. 6000: 19_514
    Umfang: 36 VZE
    Rechtsstatus: ungeklärt
    Literaturangaben: Josef Strötgen, Die Seilerei in Fischlaken, in: Geschichten aus der Werdener Geschichte 12 (2014), S. 144-173.
    Bild- und Tondokumente
    Zeitungen
    Bücher
    Objekte
    Best. 6000
    Bibliotheksgut