Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv

Sie sind nicht angemeldet.

Tektonik

  • Die Tektonik ist auf Ihren Suchtreffer eingeschränkt, Sie können über das "+" den normalen Archivbaum einblenden.
    Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv
    Amtliche Überlieferung
    Nichtamtliche Überlieferung
    Archiv Ernst Schmidt
    Personenbezogene Überlieferung
    Slg. 6004 Gustav Streich und Widerstandsgruppe Brotfabrik Germania
    Digitalisierte Bilder gesperrt bis: 31.12.9999

    Vollansicht Bestand

    Signatur: Slg. 6004
    Name: Gustav Streich und Widerstandsgruppe Brotfabrik Germania
    Laufzeit: 18.11.1918-04.07.2017
    Beschreibung: Streich, Gustav (11.11.1906-25.03.1994), Schriftsetzer, Gewerkschafter, Sozialdemokrat, Widerstandskämpfer, Kommunalpolitiker (Rat der Stadt Essen), Mitinitiator der Mahn- und Gedenkstätte Alte Synagoge Essen, Wegbegleiter von Ernst Schmidt.

    Gustav Streich wurde am 11. November 1906 im ostpreußischen Markhausen, Kreis Gerdauen, geboren. Nach der Volksschule begann er 1920 eine Lehre zum Schriftsetzer und trat 1921 dem freigewerkschaftlichen Verband der Deutschen Buchdrucker bei. Seit 1925 lebte und arbeitete er in Essen, wo er sich 1929 der SPD und der Arbeiterwohlfahrt anschloss. 1931 heiratete er die Essenerin Elisabeth Streich, geb. Mesewinkel.

    Seit Ende der 1920er Jahre Mitglied des Republikschutzverbands Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, gehörte Streich nach der nationalsozialistischen Machtergreifung und dem Verbot der SPD zu den Organisatoren des sozialdemokratischen Widerstands in Essen. Er nahm an den illegalen Maifeierlichkeiten der SPD in Werden teil und schloss sich einer sozialdemokratischen Widerstandsgruppe an, die im Rheinland aktiv war und über die Brotfabrik Germania in Duisburg-Hamborn organisiert wurde. Deren Besitzer, der Sozialdemokrat August Kordaß, ließ im Ausland hergestellte und illegal ins Reich eingeschleuste Schriften über einige als Brotfahrer beschäftigte Genossen verteilen. Nach Essen gelangte auf diesem Weg vor allem die Halbmonatsschrift "Sozialistische Aktion", von der ca. 50 Exemplare in kleinen konspirativen Lesezirkeln unter drei bis zehn Sozialdemokraten weitergegeben wurde. Zu den beteiligten Essener Genossen gehörten neben Gustav Streich u.a. Hermann Rotthäuser, Ernst Gnoß, Heinrich Bender, Georg Einig, Georg Göldner, Johann und August Habermehl, Heinrich Hildebrandt, Wilhelm Jöhren, Johann und Anton Klein, Karl Koch, Wilhelm Kreuzenbeck, Max Marx, Otto Meister, Wilhelm Nieswandt, Karl Niggemann, Karl Rose, Friedrich Runge, Albert Schäfer, Paul Schmidt, Hans Schwerdtner, Friedrich Tietz, Paul Volkmer und Franz Voutta.

    20 Essener Mitglieder der Widerstandsgruppe wurden 1935 von der Gestapo verhaftet. Fast alle von ihnen gehörten zu den insgesamt 161 Sozialdemokraten, die 1936 in einem Massenprozess vor dem Zweiten Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu insgesamt 274 Jahren und acht Monaten Haft verurteilt wurden; in einem Fall wurde das Verfahren eingestellt, in einem anderen Fall erfolgte ein Freispruch. Gustav Streich wurde 1936 verhaftet und fünf Wochen von der Gestapo verhört. Nach einem Jahr Untersuchungshaft wurde er 1937 mit sechs Genossen vom Zweiten Senat des Volksgerichtshofes Berlin wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und stand nach seiner Haftentlassung 1941 weiter unter Beobachtung der Gestapo.

    Nach Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg gehörte Streich zu den sog. "Männern der ersten Stunde": Er wurde 1946 von der alliierten Besatzungsmacht zum Essener Stadtverordneten ernannt und noch im selben Jahr Mitglied der ersten freigewählten Stadtverordnetenversammlung. Er beteiligte sich am Wiederaufbau der SPD in Essen und wurde später zum Chronisten ihrer Lokalgeschichte. Dem Rat der Stadt Essen gehörte bis zu seinem freiwilligen Ausscheiden 1975 über drei Jahrzehnte an und war in dieser Zeit Mitglied vieler städtischer Gremien (Ältestenrat, Hauptausschuss, Vorsitzender des Finanz- und Kulturausschusses). Darüber hinaus gehörte er u.a. dem Verwaltungsrat der Stadtsparkasse Essen, dem Kuratorium des Klinikums Essen, dem Kuratorium des Museums Folkwang, dem Aufsichtsrat der Altstadtbaugesellschaft mbH, dem Aufsichtsrat der EVAG, dem Aufsichtsrat der Essener Messe sowie dem Vorstand der Arbeiterwohlfahrt Essen als langjähriger Vorsitzender an. Bis zum Eintritt in den Ruhestand übte er seinen Beruf aus, zuletzt als Druckereileiter.

    Gemeinsam mit Ernst Schmidt und Detlev Peukert setzte er sich für die Einrichtung der Alten Synagoge als Mahn- und Gedenkstätte der Stadt Essen 1980 ein und wirkte an der dort gezeigten Dauerausstellung "Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945" mit. Ebenfalls zusammen mit Ernst Schmidt initiierte er 1985 den Denkmalpfad "Essen erinnert" zur Geschichte Essens im 20. Jahrhundert mit zahlreichen Erinnerungsorten zu NS-Terror, Verfolgung und Widerstand in der Stadt.

    Ehrungen: Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland; Ehrenplakette und Kulturpreis der Stadt Essen; Silbernes und Goldenes Kammerabzeichen der Industrie- und Handelskammer Essen; Dr.-Johann-Christian-Eberle-Medaille für besondere Verdienste um das Sparkassenwesen; Marie-Juchacz-Plakette; Gustav-Streich-Straße in Essen-Rüttenscheid; Gustav-Streich-Haus (AWO-Seniorenwohnanlage) in Essen-Borbeck.

    Der Bestand umfasst zum einen Dokumente aus dem Nachlass von Gustav Streich, im Wesentlichen persönliche Ausweise und Bescheinigungen, amtliche Unterlagen (Kopien) zu seiner Strafverfolgung im Nationalsozialismus, politische Dokumente aus der Essener Nachkriegszeit, eine umfangreiche lokale Presseberichterstattung (Zeitungsausschnitte) mit Jubiläen, Ehrungen und Nachrufen, sowie Aufzeichnungen zur Geschichte der Sozialdemokratie und des sozialdemokratischen Widerstands in Essen. Des Weiteren sind im Nachlass auch zahlreiche (Presse-)Fotografien überliefert, die Streich größtenteils bei öffentlichen Anlässen zeigen.

    Zum anderen besteht der Bestand aus einer Sammlung von Unterlagen, die den Widerstand von Essener Sozialdemokraten gegen das NS-Regime dokumentieren: Erlebnisberichte, Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, teilweise auch amtliche Dokumente (Kopien) sozialdemokratischer Widerstandskämpfer, vor allem von Gustav Streich, Hermann Rotthäuser, Hugo Verspohl, Otto Meister, Anton und Johann Klein, Hans Schwerdtner, Franz Voutta, Johann Habermehl, Heinrich Hildebrandt, Karl Rose und Friedrich Runge. Darüber hinaus enthält der Bestand eine Dokumentation zur Widerstandsgruppe Brotfabrik Germania in Duisburg-Hamborn aus dem Jahr 1986 sowie Aktenstücke (Kopien) zu den Massenprozessen gegen Sozialdemokraten vor dem Zweiten Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm im Jahr 1936.
    Alte Bestandssignaturen: Best. 6000: 19_28; 19_89; 19_100; 19_187; 19_207-208; 19_211; 19_221; 19_380; 19_489; 19_864; 19_905_1-26; 19_1263; 20_1918_17; 20_1929_16; 20_1935_49; 20_1935_52-55; 20_1935_72; 20_1936_33; 20_1937_16; 20_1938_54; 20_1944_23; 20_1998_14; 20_2006_9
    Umfang: 48 VZE
    Rechtsstatus: Eigentum
    Literaturangaben: Ernst Schmidt, Lichter in der Finsternis.Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945, 2. erw. u. verb. Aufl., Frankfurt/M. 1980, S. 19-31, 95-104, 137-142.
    Anton Klein / Fritz Labudat, Überleben und Widerstehen. Nationalsozialismus, Krieg und Nachkrieg in den Tagebüchern von Sozialdemokraten, hrsg. von Frank Bajohr und Ernst Schmidt, Essen 1985.
    Ernst Schmidt, Lichter in der Finsternis. Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945, Bd. 2, Essen, 1988, S. 27-38.
    AWO-Treff. Mitgliederzeitschrift der Arbeiterwohlfahrt Essen e.V. - Sonderausgabe: Die Essener Arbeiterwohlfahrt trauert um Gustav Streich (1994).
    Streich, Gustav, in: Stadt Essen / Historischer Verein für Stadt und Stift Essen e.V. (Hrsg.), Essener Köpfe, Essen 2015, S. 335.
    Verspohl, Hugo Johannes, in: Stadt Essen / Historischer Verein für Stadt und Stift Essen e.V. (Hrsg.), Essener Köpfe, Essen 2015, S. 349.
    Klaus Wisotzky / Monika Josten (Hrsg.), Essen. Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert, Münster 2018, S. 166-167.
    Slg. 6005 Walter Rohr
    Slg. 6006 Heinrich Hirtsiefer
    Slg. 6008 Charlotte Zinke
    NL 6009 Heinz Renner
    Slg. 6011 Verzeichnis von Essener Opfern des Nationalsozialismus
    NL 6017 Detlev Peukert
    Sachbezogene Überlieferung
    Bild- und Tondokumente
    Zeitungen
    Bücher
    Objekte
    Best. 6000
    Bibliotheksgut