Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv

Sie sind nicht angemeldet.

Tektonik

  • Die Tektonik ist auf Ihren Suchtreffer eingeschränkt, Sie können über das "+" den normalen Archivbaum einblenden.
    Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv
    Amtliche Überlieferung
    Nichtamtliche Überlieferung
    Archiv Ernst Schmidt
    Personenbezogene Überlieferung
    Slg. 6005 Walter Rohr
    Slg. 6006 Heinrich Hirtsiefer
    Digitalisierte Bilder gesperrt bis: 31.12.9999

    Vollansicht Bestand

    Signatur: Slg. 6006
    Name: Heinrich Hirtsiefer
    Laufzeit: 1895-2009
    Beschreibung: Heinrich Hirtsiefer, Dr. h.c. mult. (26.04.1876-15.05.1941), Schlosser, Sozialpolitiker (Deutsche Zentrumspartei), Gewerkschaftsfunktionär des Christlichen Metallarbeiterverbands, Essener Stadtverordneter, Abgeordneter des Preußischen Landtags, Minister für Volkswohlfwahrt in Preußen, Stellvertretender Preußischer Ministerpräsident.

    Heinrich Hirtsiefer wurde am 26. April 1876 als Sohn von Heinrich Joseph Hirtsiefer und Catharina Elisabeth Hirtsiefer, geb. Overhaus, in der Kruppschen Arbeiterkolonie Kronenberg in Essen-Altendorf geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und der gewerblichen Fortbildungsschule absolvierte er von 1891 bis 1895 eine Schlosserlehre bei der Firma Fried. Krupp und arbeitete anschließend nach Ableistung seines zweijährigen Militärdienstes von 1897 bis 1904 als Schlosser bei Krupp. Am 9. Mai 1900 heiratete er Clementine von der Lippe; aus der Ehe gingen die vier Kinder Heinrich, Wilhelm, Franz und Sophie hervor.

    Hirtsiefer schloss sich dem Christlichen Metallarbeiterverband an und wurde im August 1904 dessen hauptamtlicher Bezirksleiter für das Rheinisch-Westfälische Industriegebiet, seit August 1920 war er Verbandssekretär des Gesamtverbands. Von Januar 1907 bis Mai 1924 setzte er sich als Essener Stadtverordneter der Deutschen Zentrumspartei u.a. für sozialen Wohnungsbau ein. Von 1914 bis 1933 gehörte er dem Aufsichtsrat der genossenschaftlich organisierten Kleinhaus-Siedlung eGmbH (heute Wohnungsgenossenschaft Essen-Nord eG) an, die in Essen-Altendorf die Hirtsiefer-Siedlung errichten ließ, in der Hirtsiefer mit seiner Familie zunächst am Bockmühlenweg 1 und zuletzt in der Mercatorstraße 2 wohnte. Hirtsiefer war Mitglied sowohl kommunaler als auch regionaler Gremien wie dem Rheinischen Provinziallandtag, dem Verbandsrat des Ruhrsiedlungsverbandes (heute Regionalverband Ruhr), der Landesversicherungsanstalt der Rheinprovinz und dem ständigen Ausschuss des Verbandes Deutscher Landesversicherungsanstalten.

    Nachdem sich Hirtsiefer an der von 1919 bis 1921 tagenden Verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung beteiligt hatte, wurde er 1921 Abgeordneter des Preußischen Landtags und im selben Jahr von Ministerpräsident Otto Braun zum Minister für Volkswohlfahrt ernannt. Dieses Amt übte er bis zur Auflösung des Landtags 1933 aus. Hirtsiefer wurde bald zum dienstältesten Minister der Landesregierung und zum ständigen Stellvertreter des Ministerpräsidenten, der ihn im Juni 1932 nach seinem Rücktritt mit der Führung der Amtsgeschäfte beauftragte. Mit dem sog. Preußenschlag vom 20. Juli 1932 setzte Reichskanzler Franz von Papen durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die seit Mai 1932 geschäftsführende Preußische Landesregierung ab und sich selbst als Reichskommissar für Preußen ein. Hirtsiefer wurde seines Amtes enthoben, trat jedoch nach vergeblicher Anrufung des Staatsgerichtshofs erst im März 1933 offiziell zurück. Nach seinem Rücktritt wurden dem ehemaligen Staatsminister seine Versorgungsbezüge vorenthalten, im Juli 1933 wurde Hirtsiefer sein Pass entzogen und in Bochum ein Ermittlungsverfahren wegen Korruptionsverdachts gegen ihn eingeleitet.

    Auf Vorladung aus Berlin erschien er am 11. September 1933 zur Vernehmung durch einen Staatsanwalt auf dem Essener Polizeipräsidium. Beim Verlassen des Präsidiums wurde er von Essener SA- und SS-Leuten aufgehalten, die ihm ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Hungerleider Hirtsiefer umhängten und ihn zu einem zweieinhalbstündigen Fußmarsch durch Essen bis zum Wohnhaus seiner Familie in der Hirtsiefer-Siedlung zwangen. Seine Wohnung wurde durchsucht, Hirtsiefer verhaftet und ins Essener Polizeigefängnis gebracht, am folgenden Tag in sog. Schutzhaft genommen, zunächst ins Konzentrationslager Kemna bei Wuppertal eingeliefert und von dort ins Konzentrationslager Börgermoor überstellt. Während seiner Haft war Hirtsiefer schweren körperlichen und seelischen Misshandlungen durch KZ-Wachleute und Mithäftlinge ausgesetzt. Intensive Bemühungen seiner Familie führten am 12. Oktober 1933 zu seiner Freilassung, die Hermann Göring als preußischer Ministerpräsident persönlich angeordnet hatte. Seine Entlassung stand unter der Auflage, Essen nie wieder zu betreten. 1934 wurde ein Korruptionsverfahren gegen Hirtsiefer in Berlin aus Mangel an Beweisen eingestellt. Er starb am 15. Mai 1941 an den Folgen seiner KZ-Haft und wurde auf dem Friedhof der St.-Matthias-Gemeinde in Berlin-Mariendorf beigesetzt.

    Veröffentlichungen: Die Kruppsche Werkspensionskasse vor Gericht (1908); Die Verbandsordnung für den Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (1920); Die staatliche Wohlfahrtspflege in Preußen 1919-23 (1924); Der Geburtenrückgang in Deutschland und seine Bekämpfung (1928); Die Wohnungswirtschaft in Preußen (1929).

    Ehrungen: Eisernes Kreuzes Zweiter Klasse; Ehrenmitglied der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen Rappoltstein (Straßburg) Köln und Borusso-Saxonia Berlin; Dr. med. h. c. (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn); Dr.-Ing. E. h. (Universität Breslau); Dr. jur h. c. (Technische Universität Graz); Ehrenzeichen Erster Klasse des Deutschen Roten Kreuzes; Großes Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich; Großkreuz des päpstlichen St.-Gregorius-Ordens; Hirtsieferzeile in Berlin-Neukölln; Hirtsieferstraße in Köln-Holweide; Hirtsiefer-Siedlung, Hirtsieferstraße und Heinrich-Hirtsiefer-Platz in Essen-Altendorf; Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnsitz in der Mercatorstr. 2 in Essen-Altendorf; Glaubenszeuge im Deutschen Martyrologium des 20. Jahrhunderts.
    Alte Bestandssignaturen: Best. 6000: 19_358; 19_867_1-3; 19_1341_4; 20_1933_33; 20_1933_199
    Rechtsstatus: Eigentum
    Literaturangaben: Friedrich Zunkel, Hirtsiefer, Heinrich in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 241-242.
    Hermann Schröter, In Essen geboren, aus Essen verbannt: Lebensgeschichte des Politikers Dr. h.c. Heinrich Hirtsiefer, in: Das Münster am Hellweg 32 (1979), S. 37-42.
    Ernst Schmidt, Heinrich Hirtsiefer 1933, in: Baldur Hermans (Hrsg.), „ … wie sollen wir vor Gott und unserem Volk bestehen?“. Nikolaus Groß und die katholische Arbeiterbewegung in der NS-Zeit. Ein Begleitbuch zur Ausstellung des Bistums Essen vom 23. Januar bis 6. April in der Alten Synagoge Essen, Essen 1995, S. 56-64.
    Vera Bücker, Heinrich Hirtsiefer, in: Hugo Maier (Hrsg.), Who’s Who der sozialen Arbeit, Freiburg/Br. 1998, S. 254-255.
    Georg Hirtsiefer, Dr. h.c. Heinrich Hirtsiefer (1876-1941), in: Heimatblätter. Jahrbuch des Heimat- und Geschichtsvereins Neunkirchen-Seelscheid 23 (2008), S. 9-46.
    Magdalena Łazicka, Heinrich Hirtsiefer, in: Siegfried Mielke / Günter Morsch (Hrsg.), "Seid wachsam, dass über Deutschland nie wieder die Nacht hereinbricht." Gewerkschafter in Konzentrationslagern 1933-1945, Berlin 2011, S. 90–95.
    Baldur Hermans, Heinrich Hirtsiefer (1876–1941) – ein christlich-sozialer Zeitgefährte – gehasst und verfolgt, in: Baldur Hermans (Hrsg.), Revisionen zu Nikolaus Groß und Heinrich Hirtsiefer, Essen u.a. 2015, S. 53–67.
    Hirtsiefer, Heinrich, in: Stadt Essen / Historischer Verein für Stadt und Stift Essen e.V. (Hrsg.), Essener Köpfe, Essen 2015, S. 154 f.
    Hirtsiefer, Heinrich, in: Eckhard Hansen / Florian Tennstedt (Hrsg.), Biographisches Lexikon zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1871-1945, Bd. 2: Sozialpolitiker in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus 1919-1945, Kassel 2018, S. 81-82
    Klaus Wisotzky / Monika Josten (Hrsg.), Essen. Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert, Münster 2018, S. 168-169.
    Baldur Hermanns, Dr. h.c. Heinrich Hirtsiefer, in: Helmut Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, 8. erw. u. akt. Aufl., Paderborn u.a. 2024, S. 214–218.
    Slg. 6008 Charlotte Zinke
    NL 6009 Heinz Renner
    Slg. 6011 Verzeichnis von Essener Opfern des Nationalsozialismus
    Sachbezogene Überlieferung
    Bild- und Tondokumente
    Zeitungen
    Bücher
    Objekte
    Best. 6000
    Bibliotheksgut