Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv

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    Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv
    Amtliche Überlieferung
    Nichtamtliche Überlieferung
    Archiv Ernst Schmidt
    Personenbezogene Überlieferung
    Sachbezogene Überlieferung
    NS-Unrechtsstätten
    Slg. 6012 Außenlager KZ Buchenwald - Schwarze Poth
    Slg. 6013 Außenlager KZ Buchenwald - Humboldtstraße

    Vollansicht Bestand

    Signatur: Slg. 6013
    Name: Außenlager KZ Buchenwald - Humboldtstraße
    Laufzeit: 21.11.1907-31.12.2014
    Beschreibung: Auf Anforderung der Friedrich Krupp AG teilte das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt dem Unternehmen im Juli 1944 520 jüdische Frauen aus Ungarn und aus den zu dieser Zeit ungarisch besetzten angrenzenden Staaten zu, die nach ihrer Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nicht in den Gaskammern ermordet, sondern zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren. In einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald für die Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen-Horst wurden die Frauen - fast alle aus der Karpatenukraine und Nord-Siebenbürgen, meist 17 bis 30 Jahre, die jüngste 13 Jahre alt - am 20. August 1944 von einer Krupp-Delegation zum Arbeitseinsatz ausgewählt und am 25. August 1944 nach Essen überführt. Am 11. September 1944 ließ die SS zwei weitere Frauen - eine Ärztin und eine Krankenpflegerin - als "Funktionshäftlinge" von Auschwitz nach Essen bringen.

    Auf dem seit März 1943 an der Humboldtstraße in Essen-Fulerum errichteten Lagergelände waren zunächst französische Zivilarbeiter, später Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion und italienische Militärinternierte untergebracht. Von August 1944 bis März 1945 existierte auf dem Gelände das Außenlager "Humboldtstraße-Süd" des KZ Buchenwald für die insgesamt 522 weiblichen Häftlinge des SS-Arbeitskommandos Friedrich Krupp. Das Areal des Außenlagers mit vier Schlafbaracken und einer Küchenbaracke war vom übrigen Lager der sowjetischen Zwangsarbeiterinnen mit einem Stacheldrahtzaun abgetrennt. In den stark verschmutzten, zuvor von italienischen Militärinternierten genutzten Schlafbaracken fanden die Frauen jeweils etwa 65 doppelstöckige Betten mit Strohsäcken vor.

    Die Wachmanschaft des Außenlagers nutzte eine Baracke außerhalb der Umzäunung. Lagerkommandant war der SS-Oberführer Albert Rieck, seine Stellvertreter die SS-Unterscharführer Willi Kerkhoff und Otto Maier. Für die Bewachung der Frauen wurden anfangs insgesamt etwa 15 Männer und 45 Frauen abgestellt, die allerdings später zum Teil andere Posten übernahmen. Die weibliche Wachmannschaft rekrutierte sich aus der Krupp-Belegschaft und wurde nach einem rund zehntägigen Kurzlehrgang im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück von der SS in Dienst gestellt. Führerin des SS-Frauenkommandos war Emma Theissen. Unter den weiblichen Häftlingen waren insbesondere Theissen und Rieck wegen ihrer Gewalttätigkeit gefürchtet. Ein späteres Ermittlungsverfahren gegen die beiden wurde 1973 wegen des Todes der Beschuldigten eingestellt.

    Die Frauen waren überwiegend im knapp sieben Kilometer entferntem Walzwerk II der Kruppschen Gussstahlfabrik an der Ecke Helenenstraße/Bottroper Straße in Essen-Altendorf beschäftigt, wo sie in 12-Stunden-Schichten zur Beschickung der Hochöfen, zu Schweißarbeiten und Hilfstätigkeiten herangezogen wurden. Einige Frauen waren auch in der Federwerkstatt und in der Elektrodenwerkstatt eigesetzt. Der Umgang von Betriebsleitern, Meistern und (Vor-) Arbeitern mit den weiblichen Häftlingen variierte individuell stark und reichte von verdeckter Solidarität über Gleichgültigkeit bis zu offener Brutalität.

    Die menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen, denen die Frauen im Lager und Werk ausgesetzt waren, verschärften sich noch einmal erheblich infolge alliierter Luftangriffe auf Essen, vor denen die Häftlinge auf dem Lagergelände lediglich in flachen Splitterschutzgräben Schutz suchen durften: In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober 1944 wurde das Lager so schwer von Bomben getroffen, dass 58 Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion ums Leben kamen und die Schlafbaracken des Außenlagers vollkommen zerstört wurden. Die Frauen richteten sich daraufhin notdürftig ein Gemeinschaftslager im Speisesaal der teilzerstörten Küchenbaracke her. Nach dem Ausfall der Straßenbahn stand den Frauen kein Verkehrsmittel mehr für ihren Arbeitsweg zur Verfügung, den sie seitdem täglich quer durch Essen zu Fuß zurücklegen mussten. Im ebenfalls bombenbeschädigten Werk wurden die weiblichen Häftlinge nun nicht mehr in der Produktion eingesetzt, sondern zu Räumungs- und Reparaturarbeiten unter anderem in der Lafettenwerkstatt gezwungen.

    Am 12. Dezember 1944 trafen Bomben auch die Küchenbaracke, sodass die Frauen fortan im Keller einer Barackenruine mit einer groben Decke und etwas Stroh auf dem Betonboden schlafen mussten. Waschgelegenheiten gab es nicht mehr. Die Verpflegung der weiblichen Häftlinge war völlig unzureichend und bestand, wenn überhaupt noch bereitgestellt, aus Weißkohlsuppe und Brot. Als Häftlingskleidung trugen die Frauen ihre noch in Auschwitz erhaltenen, zerlumpten Kittel mit einem großen Kreuz am Rücken und verschlissene Holzpantinen an ihren nackten Füßen. Arbeits- oder Schutzkleidung für die schwere und gefährliche Arbeit im Werk stand ihnen nicht zur Verfügung.

    Als das Außenlager am 17. März 1945 auf Beschluss des Krupp-Direktoriums hin aufgelöst wurde, mussten die weiblichen Häftlinge nach Bochum marschieren, von wo sie auf einer sechstätigen Zugfahrt zuerst ins KZ Buchenwald bei Weimar und schließlich ins Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle transportiert wurden. 506 Frauen aus Essen trafen am 25. März 1945 in Bergen-Belsen ein. Wie viele von ihnen nach ihrer Ankunft noch einer dort grassierenden Typhusepidemie erlagen oder den SS-Erschießungskommandos zum Opfer fielen, bevor das Lager am 15. April 1945 von der britischen Armee eingenommen wurde, ist ungeklärt.

    Im 1947 eröffneten 10. Nürnberger Nachfolgeprozess ("Krupp-Prozess") vor dem US-Militärtribunal wurde das Außenlager als Ausdruck unmenschlicher Arbeitskräftepolitik und einer industriellen Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen gewertet. Zwölf Manager der Krupp AG um den Firmeninhaber Alfried Krupp von Bohlen und Halbach mussten sich vor Gericht unter anderem wegen der Ausbeutung der jüdischen Zwangsarbeiterinnen verantworten. Elf der Angeklagten wurden zu Gefängnisstrafen von bis zu zwölf Jahren verurteilt. In den Prozessakten, die im Staatsarchiv Nürnberg überliefert und auch digital zugänglich sind, befindet sich eine außerordentlich umfangreiche und aussagekräftige Überlieferung zum Außenlager.

    Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg nahm 1971 Ermittlungen zu der Frage auf, ob es in der Humboldtstraße zu Tötungsverbrechen gekommen sei. Die Ermittlungsakten enthalten Aussagen bzw. Erinnerungen von insgesamt 36 ehemaligen Häftlingen, 22 ehemaligen Wachleuten und fast allen damals Verantwortlichen der Kruppschen Hauptverwaltung sowie von deutschen Arbeitern, die mit den Frauen bei Krupp beschäftigt waren. Aktenkundig wurden vier Todesfälle infolge von Misshandlungen, zwei Todesfälle nach einem Luftangriff sowie die Tötung eines Neugeborenen. Insgesamt sind vor Ort vermutlich mindestens acht weibliche Häftlinge an den Folgen von Misshandlungen, Luftangriffen, Erfrierungen oder epidemischen Erkrankungen gestorben; eine schwangere Frau wurde nach Auschwitz deportiert. Anfangs ließ die SS die Toten im Essener Krematorium einäschern, doch nach dessen Zerstörung dann auf dem Südwestfriedhof und einmal auch auf dem Terrassenfriedhof erdbestatten.

    Mindestens sieben Frauen gelang es in den letzten Kriegstagen während eines alliierten Luftangriffs kurz vor ihrem Abtransport aus dem Lager zu fliehen. Bei einer der sieben bekannten Frauen handelte es sich um Rose Szegö. Die sechs anderen - Rosa Katz, Gisella Israel, Erna und Elisabeth Roth, Agnes und Renée Königsberg - wurden von den Krupp-Arbeitern Gerhard Marquardt und Karl Schneider, dem Lebensmittelhändler Fritz Niermann und weiteren Essener Bürgerinnen und Bürgern über vier Wochen bis zur Befreiung der Stadt durch die US-Armee am 11. April 1945 versorgt und versteckt gehalten. Für Ihre Verdienste um die Rettung der sechs jüdischen Frauen verlieh der Staat Israel Marquardt und Niermann 1989 postum die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern.

    Die Unterlagen des Bestands stammen u.a. aus einer Dokumentation über die zwei Essener Außenlager des KZ Buchenwald, die der Öffentlichkeit am 28. Oktober 1981 zu einem "Ortstermin" in der Alten Synagoge, der damaligen Mahn- und Gedenkstätte der Stadt Essen, vorgestellt wurde. Maßgeblich beteiligt an den Nachforschungen und der Konzeption waren damals Ernst Schmidt, Benno Reicher, Angela Genger und Ulrich Herbert. Besucht wurde die Ausstellung in der Alten Synagoge unter anderem von den drei ehemaligen KZ-Häftlingen des Außenlagers Humboldtstraße Erna Anolik, Rella Platschek und Malka Ohnhaus, die im Oktober 1981 mit anderen Holocaust-Überlebenden auf Einladung der Stadt nach Essen gekommen waren und von Ernst Schmidt zu den Orten des Geschehens der Jahre 1944/45 in den Stadtteilen Fulerum und Altendorf geführt wurden. Neben den drei Frauen wurden in den Jahren 1980/81 auch eine Reihe von Zeitzeugen aus Essen, unter anderem die Eheleute Marquardt, in der Alten Synagoge interviewt. Im Juni 1982 besuchte der ehemalige KZ-Häftling des Außenlagers Humboldtstraße Rose Warmer auf Einladung der Evangelischen Kirche Essen und begegnete bei ihrem Besuch auch Ernst Schmidt.

    Den Kern des Bestands bilden Zeitzeugendokumente (Briefwechsel, Gesprächsnotizen, Erlebnisberichte, Lebenserinnerungen, Fotos) der ehemaligen KZ-Häftlinge Rose Szegö, Rose Warmer, Elisabeth Löwy (verh. Shaw), Rella Löwy (verh. Platschek), Malka Ohnhaus, Rosa Katz, Gisella Israel, Elisabeth Roth (verh. Hirsch), Erna Roth (verh. Anolik), Rachel Grünebaum und Judith Altmann sowie der Essener Bürgerinnen und Bürger Gerhard und Erna Marquardt, Karl Schneider, Fritz Niermann, Gertrud und Adolf Neumann. Korrespondenz und Presseberichterstattung mit Fotos zur Auszeichnung von Gerhard Marquardt und Fritz Niermann als Gerechte unter den Völkern ist ebenfalls überliefert. Des Weiteren enthält der Bestand diverse Rechercheunterlagen vorrangig von Ernst Schmidt und Angela Genger, Verwaltungsunterlagen (Kopien) aus den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald, Ravensbrück und Bergen-Belsen sowie Dokumente (Kopien) des 10. Nachfolgeprozesses vor dem US-Militärtribunal in Nürnberg und der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Schließlich sind auch zahlreiche Veröffentlichungen (Vorträge, Aufsätze, Broschüren, Artikel) zur Geschichte des Außenlagers überliefert.
    Alte Bestandssignaturen: Best. 6000: 19_369_1-26; 19_370_1; 19_370_3; 19_370_7; 20_1945_21
    Umfang: 37 VZE
    Rechtsstatus: Eigentum
    Literaturangaben: William Raymond Manchester, Krupp. Zwölf Generationen, München 1968, S. 515-533, 555-559, 564.
    Alte Synagoge Essen (Hrsg.), Ortstermin. Eine Dokumentation zu KZ-Außenlagern in Essen [Ulrich Herbert und Ernst Schmidt zum KZ-Außenlager Humboldtstraße], S. 2-11, Essen 1981.
    Hans G. Kösters, Essen Stunde Null. Die letzten Tage März/April 1945, Düsseldorf 1982, S. 7-8, 45-46, 58-59, 98-100.
    Ulrich Herbert, Von Auschwitz nach Essen. Die Geschichte des KZ-Außenlagers Humboldtstraße, in: Alte Synagoge (Hrsg.), Jüdisches Leben in Essen 1800-1933, Essen 1993, S. 173-192 [durchges. u. erg. Fassung d. Aufsatzes in: Dachauer Hefte 2 (1986), S. 13-34].
    Myrna Grant / Rose Warmer, Reise im Gegenwind, Marburg/Lahn 1987, S. 103-142.
    Ernst Schmidt, Lichter in der Finsternis. Widerstand und Verfolgung in Essen, Bd. 2, Essen 1988, S. 198-220 [Zweitveröffentlichung 2003].
    Ernst Schmidt, Das Schicksal der ungarischen Jüdin Rose Szego und ihrer Familie, in: Alte Synagoge (Hrsg.), Jüdisches Leben in Essen 1800-1933, Essen 1993, S. 193-197.
    Gertrud Danzer, geb. Hahnen, schrieb „Erinnerungen einer deutschen Helferin“ für das Forschungsprojekt „Unbesungene Helden“, in: Günther B. Ginzel u.a. (Hrsg.), „Das durfte keiner wissen!“ Hilfe für Verfolgte im Rheinland von 1933 bis 1945, Köln 1995, S. 161-162.
    Gisela Rothensee, „… das durfte keiner wissen!“, in: Günther B. Ginzel u.a. (Hrsg.), „Das durfte keiner wissen!“ Hilfe für Verfolgte im Rheinland von 1933 bis 1945, Köln 1995, S. 145-169.
    Stefan Kraus, NS-Unrechtsstätten in Nordrhein-Westfalen. Ein Forschungsbeitrag zum System der Gewaltherrschaft 1933-1945: Lager und Deportationsstätten, Essen, 1999, S. 94-95.
    Dino Pasquali, Rapsodia vestfalica (Humboldtstraße), Florenz o.J.
    Dino Pasquali, Paralipomeni sotto forma di centone (Am Scheidtbusch), Florenz 2001.
    Werner Abelshauser, Rüstungsschmiede der Nation? Der Kruppkonzern im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit, in: Lothar Gall (Hrsg.) Krupp im 20. Jahrhundert, Berlin 2002, S. 267-472, hier S. 420-423.
    Michael Zimmermann, Drei Lager in Essen: Der Prügelkeller „Zeche Herkules“ 1933 und die KZ-Außenlager „Schwarze Poth“ und „Humboldtstraße“, in: Jan Erik Schulte (Hrsg.), Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933-1945. Zentrale Steuerung und regionale Initiative, Paderborn 2005, S. 179-192.
    Michael Zimmermann, Essen (Humboldtstraße), in: Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hrsg.), Der Ort des Terrors: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 3: Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006, S. 436-439.
    Holger Banse / Gabriele Grünebaum (Bearb.), Mein Leben nach Auschwitz. Erinnerungen von Rachel Grünebaum, Köln 2014.
    H. Walter Kern, Stille Helden aus Essen. Widerstehen in der Zeit der Verfolgung 1933-1945, Essen 2014, S. 66-75.
    NS-Zwangsarbeit
    Bild- und Tondokumente
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    Objekte
    Best. 6000
    Bibliotheksgut